Die Geschichte des Musikvereins Waldaschaff

 

Oder: Warum wir musizieren

 

erstellt von Sebastian Stürmer,

 

Die Geschichte der Blasmusik in Waldaschaff beginnt nicht erst im Jahre 1972, es gab nachweislich seit Anfang dieses Jahrhunderts eine Blaskapelle in Waldaschaff, die aber nicht als Verein organisiert war. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Blasmusiker unter der Obhut des Gesangsvereins "Liederkranz" Waldaschaff e. V. 1908 neu organisiert (Hauptinitiator: Markus Rüppel). Alte Instrumente wurden vom Verein aufgekauft und repariert, teilweise wurden neue Instrumente erworben und Musikschüler ausgebildet, die fortan Mitglieder des Gesangsvereins wurden. Es wurden getrennte Sing- und Übungsstunden (= Blaskapelle) abgehalten, schon damals unter der Leitung von Rudolf Hain. 1972 entschlossen sich die Musikanten der Blaskapelle, einen eigenen Verein zu gründen. Sie wollten nicht länger nur ein Anhängsel des Gesangsvereins sein, sondern über das Geschick der Blaskapelle selbst entscheiden. So erfolgte am 08.10.1972 die von den Kapellenmitgliedern vorbereitete Gründungsversammlung im Gasthaus "Zur Rose" (Inh. Heinz Neuburger), unter Leitung von Anselm Junker. Bereits am ersten Tag konnten 69 Mitglieder geworben werden und es gingen Spenden in Höhe von 1100 DM ein.

Der Musikverein sieht seine Aufgabe im musikalischen Gestalten von Veranstaltungen aus Kultur, Kirche und Vereinswesen aller Art. Die Hauptambitionen der Kapelle lagen aber von Anfang an bei der konzertanten Blasmusik, sei es traditioneller oder moderner Art.

Am 14.04.1973 konnte nun nach intensiver Vorbereitung das erste Frühjahrskonzert des jungen Musikvereins stattfinden, welches seitdem, aus musikalischer Sicht den Höhepunkt unseres Jahresablaufes darstellt. Jedes Jahr wird ein komplett neues Programm einstudiert, das dann zum Frühjahrskonzert erstmals aufgeführt wird. Bei unserm 10., 20. und 25. Jubiläumskonzerten kamen dann neben einigen neuen Werken jeweils die erfolgreichsten und schönsten Stücke der vergangenen Jahre nochmals zur Aufführung.

Weitere Kostproben unseres musikalischen Könnens wurden auf den vielen "Minigolf-Konzerten" gegeben. Waldaschaff erfreute sich damals noch eines bescheidenen Fremdenverkehrs und an diversen Sonntagvormittagen konzertierte unsere Kapelle auf dem Minigolfplatz zur Freude der Gäste und der interessierten Ortsbevölkerung. Diese Tradition wurde - mit Unterbrechungen - bis ins Jahr 1985 fortgesetzt.

Weitere konzertante Auftritte hatte die Kapelle bei den vielen Schöntalkonzerten (bei schlechtem Wetter in der "City-Galerie") in Aschaffenburg. Hier konnte man seine Musik außerhalb Waldaschaffs vorführen und unter den Zuhörern fanden sich außer unseren Fans immer viele Musiker aus befreundeten Musikvereinen des Aschaffenburger Landes. Bis 1992 nahmen wir regelmäßig an diesen Konzerten teil. Nachdem aber den Verantwortlichen der Stadt Aschaffenburg der Konzertauftritt einer Kapelle, die das ganze Jahr dafür geprobt hat, kaum soviel Wert ist, daß man die Busfahrt in die Kreisstadt dafür finanzieren kann, haben wir unsere diesbezüglichen Ambitionen eingestellt. Leider scheinen ein paar Schunkellieder zum Aschaffenburger Faschingszug "kulturell wertvoller" zu sein als ein 90 minütiges Konzert.

Ende der 70er Jahre konnte der MV auch in der Landeshauptstadt München gefallen, wo u.a. auch anläßlich des Oktoberfestes einige Konzertauftritte (sog. Tribünenkonzerte) gegeben wurden (eins davon wurde sogar vom BR aufgezeichnet).

Weitere Möglichkeiten, unser Können auch außerhalb des Landkreises zu präsentieren, hatten wir ab 1984 bei mehreren Palmengarten-Konzerten in Frankfurt a. M., organisiert durch unseren Musikfreund Helmut Amrhein. Ab 1993 spielten wir noch einige Kurkonzerte in Bad Homburg, ermöglicht durch unseren Musikfreund Fritz Becker, der seit 1988 16 Musikstücke für uns komponiert und arrangiert hat. Selbst im Ausland konnten wir unsere Zuhörer schon mit Konzerten begeistern. So spielten wir August 1986 in unserer heutigen Partnergemeinde Clonakilty, Irland und 1990 debütierten wir in Waterford bevor wir abermals in Clonakilty gastierten. Im Juli 1994 fanden zwei Gemeinschaftskonzerte unter freiem Himmel mit dem MV Alzenau statt. Ein Konzertausflug führte uns 1996 ins Emsland nach Papenburg. Im Jahr 2000 begab sich der Musikverein auf eine Konzertreise nach Irland. Dort wurde das 10jährige Bestehen der Verschwisterung zwischen Waldaschaff und Clonakily musikalisch umrahmt. Desweiteren konnten wir unser musikalisches Können bei Konzerten in Kinsale, Bantry, Clonakilty und Waterford unter Beweis stellen.

Schon früh erfolgte die Orientierung des MVW zum Blasmusikverband Vorspessart, sodaß der damalige Verbandspräsident Karl Herbig bereits zum 01.01.1973 den MVW im Verband begrüßen konnte.

Der Blasmusikverband im Bund Deutscher Blasmusikverbände bietet den Musikvereinen eine Interessenvertretung, Möglichkeiten der Fortbildung, Erwerb von Jungmusikernleistungsabzeichen, verringerte GEMA-Gebühren und die Möglichkeit von Leistungsvergleichen durch Wertungsspiele. Bereits im Frühjahr 1973 nahm man erstmals an einem Verbandswertungsspiel (in Schimborn) teil, wobei in der Unterstufe ein "1. Rang" erreicht wurde. Die Verbandswertungsspiele, die alle 3 Jahre stattfinden, bieten den Kapellen die Möglichkeit vor fachkundigem Publikum und kompetenten Wertungsrichtern ihr Können zu demonstrieren, um so ein objektives Urteil über ihren Leistungsstand zu erhalten. Der MVW nahm seitdem an jedem Wertungsspiel teil und konnte sich stetig verbessern. 1976 wurde in Gailbach bereits ein "1. Rang mit Auszeichnung" errungen, inzwischen schon unter Leitung von Andreas Klusak. 1979 erreichte man einen vorläufigen Höhepunkt, da man - erstmals in der Mittelstufe angetreten - auf Anhieb einen "1. Rang mit Auszeichnung" erhielt. 1982 wurde in Großwelzheim ein "1. Rang" erreicht.

Danach begann für die Kapelle wieder eine neue Ära. Der langjährige Dirigent Andreas Klusak mußte aus gesundheitlichen Gründen den Dirigentenstab niederlegen und der damals erst 20-jährige Bernd Zwiesler über- nahm das schwierige Amt des Dirigenten. Seine musikalische Befähigung hatte er aber bereits durch den Aufbau einer Tanzkapelle ("Swinging Bavarians") unter Beweis gestellt. 1985 findet das Wertungsspiel wieder in Großwelzheim statt. Dort ist übrigens die seit Jahrzehnten zu den Besten unseres Verbandes zählende Kapelle beheimatet.

Wir konnten einen "1. Rang mit Belobigung" erspielen. 1988 erhielten wir in Kahl die höchste Bewertung unser Leistungsgruppe Mittelstufe: den "1. Rang mit Auszeichnung", was wir 1991 in Bessenbach wiederholen konnten. Die Erfolge der vorangegangenen Jahre ermutigten uns 1994 (wiederum in Großwelzheim) erstmals in der Oberstufe anzutreten, wobei auf Anhieb ein "1. Rang mit Belobigung" erkämpft wurde. Nur um Haaresbreite verfehlten wir die Höchstnote. Diese Leistung war umso beachtlicher, da in den letzten Jahren viele ältere, erfahrene Musiker ihre aktive Tätigkeit in der Kapelle beendeten und junge, unerfahrene Musiker in die Kapelle integriert werden mußten. Die Bewältigung dieser Aufgabe ist hauptsächlich dem Engagement unseres Dirigenten Bernd Zwiesler zuzuschreiben, der ebenfalls einen Hauptanteil der Jugendausbildung leistete. Angesichts der immer weiter nachlassenden Disziplin und Leistungswilligkeit der Jugendlichen einerseits und einem Überangebot anderer Zeitvertreibe inklusive permanenter, multimedialer Berieselung andererseits eine Leistung die nicht hoch genug zu bewerten ist. 1997, im Jahre des 25. Vereinsjubiläums, war es dann endlich so weit. Beim Wertungsspiel in Bessenbach erreichten wir in der Oberstufe den "1. Rang mit Auszeichnung" und damit die höchste musikalische Auszeichnung in unserer Vereinsgeschichte. Nach einem hervorragenden Frühjahrskonzert nahmen wir schließlich noch am Bundesmusikfest "Klingendes Dreiländereck" in Zell im Wiesental teil, wo wir den hervorragenden Erfolg von Bessenbach nun vor überregionalem und internationalen Fachpublikum wiederholen konnten. Beim Verbandswertungsspiel im Jahr 2000 in Kahl am Main erreichten wir in der Oberstufe das Prädikat "mit sehr gutem Erfolg" teilgenommen, was einem 1. Rang mit Belobigung entspricht. Anzumerken ist hierbei das der 1. Rang mit Auszeichnung nur um einen Punkt verfehlt wurde.

Der hohe Leistungsstand unserer Kapelle manifestiert sich nicht nur darin, daß unser Dirigent Bernd Zwiesler im November 1992 sein Diplom als staatl. anerkannter Leiter für Blasorchester abgelegt hat, sondern auch darin, daß sich fast alle Musiker ständig weiterbilden und bronzene, silberne und sogar goldene Musikleistungsabzeichen erwerben konnten. Ebenso haben sich einige Musiker zum C1 und C2 Registerführer fortgebildet, welches eine Vorstufe zum Dirigentenlehrgang darstellt. Seit 1987 führen wir vor wichtigen Auftritten intensive Probewochenenden durch, z. B. in Hobbach, Rüdesheim, Schweinfurt, Wiesbaden, Oberreitenberg, und zuletzt aus Sparsamkeitsgründen in unseren eigenen Räumlichkeiten. Leider sind die Verdienstmöglichkeiten im Bereich der konzertanten Blasmusik sehr gering und ein Verein wie wir, der eine erhebliche Jugendarbeit leistet, ist jedes Jahr auf größere Einkünfte angewiesen. Bereits den Kleinsten werden durch qualifizierte Lehrkräfte und Ausbilder die Grundbegriffe der Musik beigebracht und ihnen werden großteils auch noch vereinseigene Instrumente zu Verfügung gestellt. Alleine die Ausstattung eines kompletten Schlagwerkes kostet mehrere Zehntausend DM.

So wird sich ein Mitglied einer reinen "Bierzeltkapelle" fragen, wieso wir das ganze Jahr aufopferungsvoll konzertante Musik proben, wenn man z. B. mit dem "Eseltanz" - in fünf Minuten einstudiert - wesentlich einfacher sein Geld verdienen, bzw. das Publikum begeistern kann.

Auch von den Entscheidungsträgern der öffentlichen Hand wird die Bedeutung der Musikvereine für die sozio-kulturelle Entwicklung der Jugendlichen unterschätzt oder übersehen und zumindestens nur unzureichend finanziell gewürdigt.

Neben der Konzertmusik haben wir das Jahr über noch zahlreiche weitere Auftritte verschiedenster Art.

An kirchlichen Feiertagen wie Ostern, Christi Himmelfahrt, ... und den Namenstagen von Schutzheiligen verschiedener Vereine (Florianstag, Hubertustag, Cäcilientag) spielen wir die Kirchenparade und manchmal verschönern wir auch den Gottesdienst durch den einen oder anderen Choral. Nach dem Gottesdienst ist ein musikalischer Frühschoppen natürlich Ehrensache. Wenn eine Prozession (Fronleichnam, Flurprozession, Marienbildstock usw.) stattfindet, wird auch diese vom MV mitgestaltet. Die Kommunionkinder werden von der Schule zur Kirche gespielt, die Maria-Buchen-Wallfahrer werden am Seehaus musikalisch empfangen, zu Allerheiligen spielen wir im Friedhof zum Totengedenken. Selbst zu Heilig Abend finden sich jährlich viele Musiker nach der Christmette zusammen, um der Ortsbevölkerung einen musikalischen Weihnachstgruß zu senden.

Bei öffentlichen Anlässen spielen wir im Auftrag der Gemeinde und bei Vereinsfesten, Meisterschaften, und Jubiläen sind wir stets zur Stelle, ganz zu schweigen von Prunksitzungen, Fastnachtszug und Kehraus. Auch zu wohltätigen Zwecken spielten wir schon Konzerte (z. B. Aktion Sorgenkind), v. a. das Adventsspielen für die Kinderkrebsstation Würzburg ist stets ein großer Erfolg - schon über 30.000,00 DM wurden eingespielt. Eine besondere Freude sind uns natürlich auch die vielen Ständchen zu Geburtstagen, Hochzeiten und Jubiläen unserer Vereinsmitglieder und Freunde. Das anschließende gesellige Beisammensein fördert den Zusammenhalt der Kapelle. Wenn man hinzurechnet, daß zu den zahlreichen Auftritte noch über 50 Proben plus Satzproben stattfinden und sich jeder Musiker noch durch stundenlange Einzelstudien in Form hält, wird erst ersichtlich, was dahinter steckt, Musiker im MVW zu sein.

Neben den musikalischen Tätigkeiten unternimmt der MVW natürlich auch viele Dinge, um die Mitglieder bei Laune zu halten. Von Anfang an waren traditionelle Veranstaltungen wie Lakefleisch, Grillfeste, (Nacht-) Wanderungen, Ausflüge, usw. fester Bestandteil des Vereinslebens. Zur sportlichen Betätigung wird wöchentlich ein Fußballtraining abgehalten und gelegentliche Radtouren organisiert.

Während der Faschingszeit werden Kappenabende und Disconächte organisiert. Die Maskenbälle im legendären Löwensaal waren immer eine Attraktion. Durch die Schließung des Löwensaales ist leider ein wichtiges Stück Waldaschaffer Kultur und Tradition verloren gegangen, wie die schlecht besuchten Bälle der letzten Jahre in der Turnhalle gezeigt haben. Unvergessen sind allerdings die Teilnahmen der Musiker-Faschingsgruppe an den Prunksitzungen, sei es "Auf einem persischen Markt" (´88); "Amerika" (´89); "Land des Lächelns" (´92); "Ägypten" (´95); "Die Liebe im Wandel der Zeit" (´97); "Haifischbar" (´98) oder "Geburt eines Dirigenten" (`00) und die Showeinlagen unserer Damentanzgruppe.

Eine weitere traditionelle Veranstaltung um deren Erhalt sich der MVW bemüht, ist die original "Wallöscheffer Kerb" mit ihrem besonderen Beerdigungszeremoniell, bei dem Toni Junker in den letzten Jahren als Zeremonienmeister die Lachmuskeln der Kerbbesucher aufs äußerste strapaziert.

Alles in allem also ein Verein, den man mit ruhigem Gewissen als sehr aktiv auf vielfältigen Gebieten bezeichnen kann.

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